Nusinersen (Spinraza ®) bei Säuglingen und Kindern mit spinaler Muskelatrophie

Anfrage

Ist Nusinersen (Spinraza®) bei Säuglingen und Kindern mit spinaler Muskelatrophie wirksam und sicher, um ein Fortschreiten der Erkrankung zu verhindern?

Ergebnisse

Studien
Wir fanden zwei randomisierte kontrollierte Studien, die bei Säuglingen und Kindern mit spinaler Muskelatrophie Nusinersen (Spinraza®) mit einer Scheinintervention verglichen.

Resultate

Nursinersen bei Säuglingen mit spinaler Muskelatrophie Typ I
Die ENDEAR-Studie (A Study to Assess the Efficacy and Safety of Nusinersen (ISIS 396443) in Infants With Spinal Muscular Atrophy), eine randomisierte kontrollierte Studie mit einer Dauer von etwa 13 Monaten untersuchte insgesamt 122 Säuglinge mit spinaler Muskelatrophie Typ I im Alter von fünf Monaten zu Studienbeginn. Davon erhielten 81 Säuglinge intrathekale Nusinersen-Injektionen und 41 Säuglinge eine Scheinintervention.

  • In der Nusinersen-Gruppe konnten nach sechs bis 13 Monaten Studiendauer 22 Prozent (16 von 73) der Säuglinge ihre Kopfbewegungen kontrollieren, zehn Prozent (7 von 73) ihren Körper rollen, acht Prozent (6 von 73) sitzen und ein Prozent (1 von 73) stehen, während in der Scheininterventionsgruppe von 37 Säuglingen keiner diese Ziele erreichte. Der Unterschied zwischen den beiden Gruppen war für die Kopfkontrolle statistisch signifikant (RR [Relatives Risiko]: 16,95; 95% KI [Konfidenzintervall]: 1,04-274,86), für die anderen Bewegungen zeigte sich ein Trend zum Vorteil für Nusinersen. Die Motorik wurde auch mittels HINE-Score (Hammersmith Infant Neurological Examination) beurteilt.
  •  Innerhalb von 13 Monaten zeigte sich beim Anteil der Säuglinge, die permanent beatmet wurden, kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen der Nusinersen-Gruppe und der Scheininterventions-Gruppe (RR: 0,71; 95% KI: 0,39-1,39). In der Nusinersen-Gruppe wurden 22 Prozent (18 von 80) der Säuglinge permanent beatmet im Vergleich zu 32 Prozent (13 von 41) in der Kontroll-Gruppe.
  • In der Nusinersen-Gruppe verstarben während sechs bis 13 Monaten Studiendauer 58 Prozent weniger Säuglinge als in der Scheininterventionsgruppe: 16 Prozent (13 von 80) versus 39 Prozent (16 von 41); RR: 0,42; 95% KI: 0,22-0,78).
  •  Unerwünschte Ereignisse, die häufiger in der Nusinersen-Gruppe auftraten als in der Scheininterventions-Gruppe, waren folgende: Obstipation, respiratorische Infekte, Pneumonien, Harnwegsinfekte und Influenza. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen waren jedoch nicht statistisch signifikant.

 

Nursinersen bei Kindern mit spinaler Muskelatrophie Typ II

  • Die CHERISH-Studie (A Study to Assess the Efficacy and Safety of Nusinersen (ISIS 396443) in Participants With Later-onset Spinal Muscular Atrophy) untersuchte 126 Kinder mit spinaler Atrophie vom Typ II. Davon erhielten 84 Kinder intrathekale Nusinersen-Injektionen und 42 Kinder eine Scheinintervention. Die Daten stammen aus einer Kurzzusammenfassung auf einer Konferenz sowie Power-Point-Folien und einem Bericht der Firma Biogen, da die Studie bisher noch nicht in einem Fachjournal veröffentlicht wurde. Für die Endanalyse wurden etwa 80 Prozent (100 von 126) der Kinder beobachtet.
  • Die Motorik wurde mittels HSMSE-Skala (Hammersmith Functional Motor Scale Expanded) untersucht, die von null bis 66 reicht. Dabei wurden insgesamt 33 Items beurteilt, die mit jeweils 0 (keine Bewegung möglich) bis 2 (Bewegung ohne Hilfe möglich) bewertet wurden. Folgende Bewegungen wurden untersucht: Sitzen (Items 1 bis 4), Rollen (Items: 5 bis 9), Krabbeln (Items: 10 bis 17), Stehen und Treten (Items: 18 bis 20), Knien (Items 21 bis 27), Springen und Hocken (Items: 28 bis 29), Stiegensteigen (Items 28 bis 29). Der Anteil der Kinder, die während 15 Monaten ihre Werte auf der HSMSE-Skala um drei Punkte oder mehr verbessern konnten, war in der Nusinersen-Gruppe höher als in der Scheininterventionsgruppe. In der Nusinersengruppe waren es 57 Prozent (48 von 84) der Kinder und in der Scheininterventions-Gruppe waren es 26 Prozent (11 von 42, p=0,0006). Die Firma Biogen gab in einem Bericht an, dass eine Veränderung um drei Punkte nach Schätzungen als klinisch relevant eingestuft werden könne.
Stärke der Evidenz
1 von 3 = Niedrig

Nusinersen vs. Scheinintervention bei Säuglingen
Folgende Limitationen bestehen: Die Studie wurde frühzeitig abgebrochen, nachdem 80 Säuglinge zumindest sechs Monate beobachtet wurden (Zeitpunkt der Interimsanalyse). Grund dafür war, dass eine Wirkung nachgewiesen werden konnte. Langzeitstudien zur Wirksamkeit von Nusinersen bei Säuglingen fehlen. Die Interims- und die Endanalyse fassten Ergebnisse von Säuglingen zusammen, die unterschiedlich lange beobachtet wurden (6 Monate, 10 Monate oder 13 Monate nach Beginn der Studie).

  •  Ergebnisse zeigen, dass Nusinersen effektiver ist als Placebo, um die Motorik bei Säuglingen zu verbessern. Die Stärke der Evidenz dafür ist niedrig.
  •  Die Rate an Säuglingen, die permanent beatmet wurden war numerisch geringer in der Nusinersengruppe als in der Placebogruppe, der Unterschied war jedoch nicht statistisch signifikant. Es kann daher keine Aussage darüber getroffen werden, ob zwischen den beiden Gruppen ein Unterschied besteht. Die Stärke der Evidenz ist unzureichend.
  •  Die ENDEAR-Studie zeigte, dass Nusinersen effektiver ist als Placebo, um die Sterberate bei Säuglingen zu reduzieren. Die Stärke der Evidenz dafür ist niedrig.

Nusinersen vs. Scheinintervention bei Kindern
Folgende Limitationen bestehen: Für die Beurteilung der methodischen Qualität der Studie waren nicht genügend Daten vorhanden. Es gibt nur eine einzige randomisierte kontrollierte Studie mit einer Dauer von 15 Monaten mit 126 Kindern.

  •  Die Stärke der Evidenz ist niedrig, dass Nusinersen effektiver ist als Placebo, um die Motorik bei Kindern zu verbessern. Zukünftige Studien werden daher einen wichtigen Einfluss auf die Einschätzung haben, wie effektiv Nusinersen im Vergleich zu einer Scheinintervention wirkt, um Symptome der spinalen Atrophie zu verbessern.
Ausführliche Beantwortung
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